Delirium Clemens:

RUTHNERS ''WELTÖSTERREICH''

Zentraleuropäische Kultur-Analysen [Fundstücke, Presseschau & eigene Texte]

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Fr. 20th Aug.
Vor 4 Jahren

  RICHARD SWARTZ: Room Service. Geschichten aus Europas Nahem Osten. Aus dem Schwedischen von Jörg Scherzer. Frankfurt/M.: Eichborn/ Die andere Bibliothek 1996. 369 S.

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Richard Swartz, langjähriger Osteuropa-Korrespondent des Swenska Dagbladet, war live dabei, als der Eiserne Vorhang so lange rostete, bis vom Kalten Krieg nur noch lauwarme Geschichte übrig war. Schon vor dem Ende der postkommunistischen Gründerzeit sah der Berichterstatter ein, ‘daß bald alles so sein würde, wie es niemals war, und daß ich etwas dagegen unternehmen mußte’. Der real-existierende Sozialismus, quasi andersrum. Swartz’ Gegenprojekt: sein literarischer Erstling Room Service, eine Sammlung von ‘Geschichten aus Europas Nahem Osten’, vor und nach 1989. Porträts von den Menschen hinter den Ereignissen, gleitende Erzählungen, die die journalistischen Fakten ergänzen und aufweichen, indem sie beschreiben, ‘wie es wirklich war; auch wenn es nicht die volle Wahrheit ist’ (Zitat).

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Mythen des Alltags kämpfen hier gegen die bunten Bilder der Medien und PR-Zentralen an: Eine seltsame Methode der Geschichtsschreibung, deren eigentümlichen Reiz man sich als gelernter Österreicher kaum zu entziehen vermag - zumal auch der liebevoll unbequeme Blick von Swartz nicht durch die schwarz-gelbe Brille der k.u.k. Nostalgie getrübt wird. Der Schwede bleibt stets der diskrete Außenseiter mit wissender Ironie, auch wenn ihn Ereignisse zu überwältigen drohen. Ein Stück Edeljournalismus, das an die Glanzzeiten des deutschen Magazins Transatlantic in den 1980er Jahren erinnert. Wozu aber die literarische Verschleierung, wenn bereits die Authentizität hinlänglich skurril wäre? Den ehemaligen ’Ostblock’ als fiktive Realsatire und Reich des schlechten Geschmacks haben immerhin schon ‘echte’ Literaten wie Tibor Fisher oder György Dalos vorgelegt.

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Aus schwedischer Sicht schien 1996 Mittel- und Osteuropa freilich immer noch exotisch genug. Und egal, ob Swartz die Verliebtheit in Doktortitel, seine eigene Stasi-Akte, den König der Zigeuner, eine albanische Hotelbar oder den Bahnhof von Przemysl beschreibt: er versucht auch die bekannten Sujets mit einem Plus an Perspektive und Reflexion aufzufüllen. Scharf wird sein Blick bei den Begegnungen mit jenen Polit-Regisseuren, die seinerzeit in Rumänien ihr ‘Straßentheater mit echtem Blut’ für westliche TV-Kameras inszenierten. Nicht zu Unrecht fühlt sich der Autor auch bei den Dissidenten ‘erleichtert, daß der eine oder andere ihnen nie an die Macht gekommen ist’.

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Der Wilde Osten wird freilich von Swartz bis nach Stockerau und in die Österreichische Gesellschaft für Literatur erweitert. Ist ihm Prag noch die ‘Stadt der halbverzehrten Engel und toten Telefone’, so nützt er auch die Gelegenheit, ‘die Niedertracht und Bosheit Wiens’ zu preisen. Ein Gespräch mit einem alten Baron zeugt zumindest von intensiver Thomas-Bernhard-Lektüre, und auch das Highlight aller Wien-Exzesse darf als Swartz’ Epizentrum nicht fehlen: ‘Heute abend ist Opernball, und die Wiener haben die Masken zu Hause gelassen; ihre Gesichter können sie hinter nichts mehr verbergen.’

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Kein Wunder, daß Wien ein perfektes Basislager für dieses erfolgreich gesamteuropäische Buch abgab, das süddeutsch gelobt und Spiegelglatt gelästert wurde - ansonsten gut verkauft. Man sollte es irgendwo im Zug an einer EU-Außengrenze beginnen, wenn die Schengen-Schergen kommen, um illegale Immigranten auf dem Klo zu suchen.

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(c) Clemens Ruthner & DER STANDARD, 1996/2011.

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