Delirium Clemens:

RUTHNERS ''WELTÖSTERREICH''

Zentraleuropäische Kultur-Analysen [Fundstücke, Presseschau & eigene Texte]

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Di. 5th Apr.
Vor 3 Jahren

JOSEPH FOUCHÉ. Bildnis eines politischen Menschen.
Biografie, verfasst von STEFAN ZWEIG, erschienen 1929 im Insel-Verlag
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Stefan Zweig hat hier die Biografie des wohl berühmtesten Linzer Polit-Exilanten des 19. Jahrhunderts vorgelegt: Joseph Fouché (1759-1820).
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Fouché begann seine Laufbahn als niedriger Ordensgeistlicher und Lehrer, bis er Maximilien Robbespierre kennenlernte und dessen Gefolgsmann wurde. Während Robbespierres Terror-Regime (1793/94), der blutigsten Phase der Französischen Revolution, schlug er einen monarchistischen Aufstand nieder, was ihm den Titel Mitrailleur de Lyon (“Schlächter von Lyon”) eintrug. Nichtsdestotrotz trug er zum Sturz und zur Hinrichtung Robespierres bei und wurde später dreimal Polizeiminister Napoleons (1799-1802, 1804-1810, 1815) – eine Funktion, in der er sich auch finanziell bereichern konnte. Zum “Herzog von Otranto” erhoben, wurde er wegen seiner großen Macht und Eigenmächtigkeit von Napoleon zweimal abgesetzt. Nach dessen endgültigen Sturz schlug sich Fouché auf die Seite der Bourbonen-Restauration. Durch seine Mitwirkung an der Hinrichtung Ludwigs XVI. war er jedoch so sehr als “Königsmörder” kompromittiert, dass er schließlich 1816 aus Frankreich verbannt wurde. Metternich gewährte ihm zögernd zuerst in Prag und dann in Linz Exil; 1819 wurde ihm wegen seiner schweren Lungenkrankheit eine Übersiedlung ins habsburgische Triest gestattet, wo er auch verstorben ist.
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Im Brennpunkt von Zweigs Biografie, die in ihrem berichtenden Chronistenstil auf Dialoge und andere Literarisierungen weitgehend verzichtet, steht der macchiavellistische Überlebenstrieb dieses hoch intelligenten und rücksichtslosen Vollzugsgehilfen und Wendehalses: Hässlich in seiner Erscheinung und leidenschaftslos kalt in seinem Naturell, ist er ein Intrigant, der stets im Hintergrund bleibt. Er kennt “nur eine Partei, der er treu war […]: die stärkere (S. 26). Zugleich wird er “niemals und niemandes Diener […].  Nie opfert er seine geistige Selbständigkeit, seinen Eigenwillen einer fremden Sache vollkommen auf.” (S. 156). Damit wird Fouché für Zweig zum Exempel einer “notwendigen Biologie des Diplomaten, dieser noch nicht erforschten, allergefährlichsten Rasse unserer Lebenswelt. (S. 12). Die sich im Ton merkwürdig an die beginnenden NS-Kraftausdrücke der Zwischenkriegszeit annähernde Diktion Zweig macht deutlich, dass diese “Typologie des politischen Menschen”, des “professionellen Hasardeur[s]” einen stark zeitkritischen, ja warnenden Charakter haben soll.
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Der Exilort kommt indes im Text des Wahl-Salzburgers Zweig nur kurz vor (S. 281ff.), als Synoym für Provinz und als Schauplatz für die “Wandelbarkeit der irdischen Macht und Größe” (S. 282): “nur ein alter Mann, müde, ärgerlich, einsam und fremd, geht mürrisch durch die langweiligen Straßen von Linz […], sonst kennt ihn niemand mehr in der Welt.”
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Ausgabe:
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Stefan Zweig: Joseph Fouché. Bildnis eines politischen Menschen. Frankfurt/M.: Fischer TB 1950ff.
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Sekundärliteratur:
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Alami, Mourad: Der Stil der literarischen Biographien bei Stefan Zweig. Erläutert am “Joseph Fouché”. Frankfurt/M. u.a. 1989
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Müller, Karl: “Joseph Fouché. Geschichte, Individuum und Dichtung bei Stefan Zweig.” In: Gelber, Mark H. (Hg.) Stefan Zweig reconsidered. Tübingen 2007. S. 21-40.
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Prater, Donald A. (Hg.): Stefan Zweig. Leben und Werk im Bild. Frankfurt/M. 2006.
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© Clemens Ruthner & LiteraturNetz OÖ, 2010

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